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Geschichte Nr. 20

Wettbewerbsgeschichte: "Improvs"

Ich laufe so gerne über weite Wiesen und Felder. Am schönsten fühlt es sich an, wenn der Weizen schon hoch steht und an den Armen entlang streift. Bin ich müde, mache ich Halt am Waldrand, im Scha...

Wettbewerbsgeschichte: "Improvs"

Wettbewerb: Menschmaschine – VACSF26 – Vierter anonymer und chancengleicher Schreibwettbewerb auf punktasten.de

Teilnehmer-Nr.: WC2026_001_0023

"Improvs"

Anonym eingereicht

Ich laufe so gerne über weite Wiesen und Felder. Am schönsten fühlt es sich an, wenn der Weizen schon hoch steht und an den Armen entlang streift. Bin ich müde, mache ich Halt am Waldrand, im Schatten, und ruhe mich aus. Dass die Cyborgs über mir hin- und hersausen wie die Fliegen an heißen Tagen über verfaultem Fleisch in der Sonne, interessiert mich nicht. Ich bin hier unten und brauche nicht mehr, sie sind da oben und wollen es nicht anders.

Es gibt einen weiteren Grund, weshalb sie mich nichts mehr angehen, die Cyborgs: All das findet in meinem Kopf statt, die Wiesen, die Felder, der Wald; es ist eine Ausgeburt meiner Fantasie und ich bin Herr und Meister an diesem Ort. Ganz ausblenden will ich sie aber nicht, die Cyborgs, denn sie sind wahr und existieren wirklich und sie dienen mir als Mahnung. Zu tief sind sie mit mir verbunden, als dass ich sie vollkommen ignorieren könnte, denn ich selbst bin einmal einer von ihnen gewesen. Heute bin ich Mensch oder was noch davon übrig ist. Was mir bleibt ist meine Fantasie.

Es war ganz leicht damals, sich einen Chip implantieren zu lassen. Ich war allerdings einer der letzten, denn ich hatte mich immer dagegen gesträubt. Begonnen hatte es mit dem Diabetes-Chip, der mich dann doch davon überzeugte. Nicht nur den Blutzucker-Wert teilte der mir mit, zusammen mit dem Diabetes-Controller agierte das gesamte System, sodass je nach Befinden eigens produziertes Insulin in den Körper abgegeben wurde. Fantastisch. Ich hatte mich natürlich genauestens informiert darüber, immerhin war es ein großer Schritt für mich. Aber es stellte sich heraus, dass es eine noch viel größere Erleichterung war; ich vergaß schließlich, dass ich an Diabetes litt und endlich, dass sich ein Chip darum kümmerte. Ich fiel hinein in einen Sog der Unbekümmertheit, in dem mir alles so einfach erschien. Körperliche Probleme waren ein Ding der Vergangenheit, gab es doch Lösungen an jeder Ecke.

Danach ging alles ziemlich schnell, die Augen folgten - zuerst einmal die smarten Kontaktlinsen. Von den meisten Verbesserungen oder „Improvs“, wie sie sich nennen, wusste ich nicht einmal, dass sie existierten. Wer bitte denkt daran, seine Fingernägel durch Displays ersetzen zu lassen. Das war Schmuck und super praktisch zugleich. Ich war begeistert. Ich dachte immer weniger nach über die Auswirkungen der „Improvs“ in meinem Körper und, um ehrlich zu sein, nie wirklich über Auswirkungen auf meine Psyche; ich wurde ja immer besser und es gab mir ein verdammt gutes Gefühl. Also, win-win, oder?

Als die KI mir anhand meiner bisherigen Verbesserungen vorschlug, dass es an der Zeit wäre, mein rechtes Auge zu ersetzen, erschreckte mich dieser Gedanke zutiefst. Ich fühlte mich wie vor dem Diabetes-Chip, voller Zweifel, und ich sträubte mich dagegen. Allerdings nutzte die KI meine bereits implantierten „Improvs“ auf subtile Weise, sodass ich ständig, ähnlich wie damals die Werbung am Rand das Browser-Fensters, mit den verschiedensten Schreckens-Szenarien konfrontiert wurde und eines Tages völlig davon überzeugt war, die Entscheidung für ein verbessertes rechtes Auge wäre meine eigene gewesen. Ich meine, Krebs-Prävention durch gesunde Ernährung und Bewegung ist das eine, aber wo kein Gewebe ist, kann auch kein Krebs sein, oder nicht? Wurde Augen-Krebs diagnostiziert, blieb in den meisten Fällen keine Zeit mehr - Die Statistiken, die mir die KI seit ihrem Vorschlag zu diesem „Improv“ zusammengestellt hatte, waren überzeugend genug und untermauerten meine Entscheidung zudem.

Äußerlich gab es überhaupt keinen Unterschied. Als ich mich nach der OP im Spiegel betrachtete, dachte ich zuerst, die Operation stünde noch bevor. Nach ein paar Tagen allerdings, „erwachte“ mein Augen-„Improv“ zum Leben - Es war unbeschreiblich. Ich war Adler und Teleskop zugleich, machte tausende Fotos und Filme allein in der ersten Woche. Ich hatte so viel Spaß mit den verschiedenen Objektiv- und Filter-Inlays; und die Bewegungssensoren und Nachtsichtfunktion waren Gold wert. Und das war bei weitem noch nicht alles; dieses Auge war ein Supercomputer.

Das linke Auge folgte.

Ich begann damit, live Zusammenfassungen während meiner Besprechungen zu erstellen und mit KI-basierten Vorschlägen zu trumpfen. Ich wurde zum Multi-Multi-Tasker. Manchmal ging ich ins Stadion nur um an den Schiedsrichter-Entscheidungen teilnehmen zu können. Das Spiel selbst bedeutete mir gar nichts, ich kam mir nur besonders wichtig vor, wenn ich versuchte, so schnell wie möglich die Zeitlupenaufnahmen vor- und zurückzuspulen, heranzuzoomen und dabei auf ein eventuelles Abseits zu analysieren; oder besser noch eine Schiedsrichter-Fehlentscheidung aufzudecken. Außerdem trugen die richtigen Tipps genug Credits zum nächsten „Improv“ bei. Ich war zu dieser Zeit in den unterschiedlichsten Programmen involviert, die mir immerzu zusätzliche Credits einbrachten. Ich musste nur einen Haken setzen und ein paar Daten teilen, das war schon alles, sodass ich auch darauf bald nicht mehr achtete und einfach nur immer bestätigte und zustimmte.

Über die Massen an Daten musste ich mir im Übrigen keine Gedanken machen. Zu jedem „Improv“ gab es ausreichend KI-verwalteten Cloud-Speicher; nie im Leben könnte ich diese Zahl aussprechen, vermutlich irgendwas mit Trillioarden-Giga-Bytes. Auch das war nicht wichtig, weil die KI dafür sorgte, dass immer genügend freier Speicher zur Verfügung stand, indem sie Daten komprimierte und archivierte oder sonst irgendetwas tat, um mich zufriedenzustellen.

Damals dachte ich tatsächlich, ja, ich war davon überzeugt, dass ich vollständig über die KI bestimmte, dass die KI nur mir allein gehorchte, mein eigenes praktisches Werkzeug war. So ordnete ich ihr natürlich ebenfalls an, meine allerwichtigsten, persönlichsten Informationen tief in mir, in all den Datensträngen verteilt, die sich entlang meiner Muskeln und Sehnen erstreckten, optimal zu verwalten. Sicherer ging es kaum, denn sowohl Tresor als auch Schlüssel dafür war ich selbst. Das waren auch die Worte der KI und ich vertraute ihr und glaubte daran.

Als der KI-News-Feed in den darauffolgenden Wochen mehr und mehr von irgendeinem Magenleiden berichtete, dass um die Welt ging, musste nicht viel Überzeugungsarbeit geleistet werden. Ein paar Tage später hatte ich den Magen-“Improv“ intus, ohne ihn eigentlich zu benötigen, aber sicher ist sicher. Sogleich fühlte ich mich besser; nichts anderes war zu erwarten von einem „Improv“.

An diesem Punkt versuchte ich schon gar nicht mehr, zu hinterfragen oder mich über Auswirkungen zu informieren. Die Zweifel, die zu Beginn noch übermächtig gewesen zu sein schienen, räumte die KI im Vorfeld bereits aus dem Weg und es ging einfach los. So leicht war es noch nie.

Ich denke, es ist ein Leichtes für jeden, der will, ein Muster zu erkennen.

Ich hatte die mir wichtigsten „Improvs“ in mir vereint und es ging mir nie besser. Als nächstes wären die Ohren dran gewesen, doch dazu fehlten mir die nötigen Credits. Außerdem konnte ich von sowas wie Herz-, Gehirn- oder Geschlechts-“Improvs“ nur träumen. Die Fortpflanzungs-“Improvs“ im Allgemeinen waren interessant, aber viel wusste ich darüber nicht, bei mir stand die Kinderplanung sehr weit hinten an. Als spannender und erstrebenswerter empfand ich da schon die Gadget-“Improvs“ - Das war ein weites Feld. Da gab es alles von rotierenden Nasen und leuchtenden Haaren, die jede gewünschte Frisur annahmen, bis hin zum Flug-"Improv". Der Flug-"Improv", denke ich, ist wahrscheinlich einer der beliebtesten "Improvs" aller Zeiten. Verdammt teuer das Ding, weil beide Beine und Teile des Rückens verbessert werden. Zum Geburtstag bekam ich ihn, alle legten zusammen, und ich konnte, naja, eben fliegen. Das war die Krönung meines Lebens und das höchste aller Glücksgefühle, einfach unglaublich.

Auf die eher fragwürdigen oder illegalen "Improvs" verzichtete ich übrigens komplett. Und sowas wie Röntgen- oder Ultraschall-Inlays für die Augen-“Improvs“ waren zwar teilweise erlaubt, wurden aber ständig missbraucht, weswegen deren Nutzer einer KI-Überwachung unterlagen.

Das bringt mich auch schon wieder näher heran an das eigentliche Thema. Natürlich konnten „Improvs“ über den offiziellen Weg beschafft werden, in jedem Geschäft, bestellt, geliefert, alles gut. Es gab aber genauso Mittel und Wege, sich „Improvs“ zu besorgen, die in irgendwelchen Hinterhöfen zusammengeschraubt wurden und in denselben Werkstätten wurden sie dann auch implantiert. So schafften es über die Jahre Millionen ungeprüfter, nicht zugelassener und fehlerhafter „Improv“-Modelle in die Körper der Menschen. Natürlich war auch die KI nicht dieselbe; es wurde herumgepfuscht und angepasst, um sie mit Datenlecks und Hintertürchen auszustatten. Die KI gab mir in regelmäßigen Abständen Artikel darüber zu lesen und ich vermute, dass sie mich damit auf dem rechtschaffenen Wege halten wollte.

Allerdings bemerkte ich irgendwann, dass sich in einem versteckten Winkel in meinem Kopf eine zuvor unbemerkte Angst entwickelt hatte, die sich immer öfter bemerkbar machte. Sie äußerte sich in Form von Zweifeln über die „Improvs“ und die KI, die sich in meinem Körper befanden. Ich fühlte mich in einer seltsamen, abartigen Weise unrein. Ich dachte darüber nach, machte aber keine Versuche, mit der KI darüber zu sprechen und kämpfte also weiterhin im Stillen mit der Frage, wie ich mich trotz aller Verbesserungen so schlecht fühlen konnte. In dieser Zeit bemerkte ich ebenfalls eine deutliche Interessen-Verschiebung in meinem KI-News-Feed; Artikel über Funktionsstörungen, illegalen Datenhandel oder die besagten Hinterhof-Modelle, die zwar spärlich dennoch in regelmäßigen Abständen auftauchten, fanden sich gar nicht mehr. Stattdessen vermehrten sich Meldungen zu Fortschritten in der Stimmungs-“Improv“-Technologie und ich erhielt haufenweise Rabatte auf Gehirn-“Improvs“.

Meine Zweifel wuchsen und das alles vergrößerte meine Angst, um ehrlich zu sein, nur noch weiter. Ich begann, mich mit der Frage nach einer De-„Improv“isierung auseinanderzusetzen. Ich versuchte auch eine erste, unschuldige Suchanfrage mithilfe der KI zu diesem Thema. Die Suche ergab keine Ergebnisse, auch Foren waren frei von jeglichen Diskussionen darüber. An Informationen zu kommen war sonst so leicht und die KI wusste doch auf alles eine Antwort. Wieso blieb sie hier also stumm?

Bald darauf verließ ich weniger das Haus, denn ich traute der KI nicht mehr. Wieso schien sie manches Mal in meinen Gedanken zu stöbern und ein anderes mal überhaupt nicht zu reagieren? Zudem vermutete ich, dass die Hinterhof-KIs sich in mein System eingeschlichen haben könnten, meine KI überwältigt hatten und meinen KI-News-Feed steuerten. Weshalb sonst die fehlenden Artikel darüber? Unaufhaltsam kreisten meine Gedanken um diese Themen und unaufhaltsam kreiste ich mit ihnen.

Mir wurde auf einmal bewusst, was sich in meinem Körper befand und was fehlte und ich kam mir fremd vor und schämte mich vor mir. Ich stand stundenlang vorm Spiegel und betrachete meine Augen; ich suchte die KI darin. Sie steckte doch darin, in meinem Kopf und sie musste herausgeholt werden. Die KI sollte heraus, damit ich sie konfrontieren konnte mit meinen Fragen; sie greifen, sie fassen; und die Angst gleich mit.

Also führte ich schließlich ein Messer nahe an mein rechtes Auge heran und ohne zu zögern stach ich hinein...

Einen Augenblick, es klopft. Ich bekomme Besuch. Sehen kann ich ihn nicht, aber ich höre an der Stimme, dass es mein Vater ist. Seine Stimme hat diesen metallischen Nachklang trotz aller „Improvs“ nie wirklich verloren.

Entschuldigt bitte die Unterbrechung, aber ich bekomme so selten Besuch heutzutage und selbst kann ich nicht weg. Ohne all die Verbesserungen bin ich ja doch nur noch ein Mensch. Ein Mensch in einer Welt, die kaum noch Platz kennt für Menschen.

Und wenn mir jemand die Hand auf die Stirn legt, gibt mir das ein Gefühl von früher. Eine warme Hand bedeutet Nähe, menschliche Nähe, denn jemand ist da. Ich bin erleichtert, dass er wenigsten seine Hand noch hat; es ist seine rechte. Mein Vater erzählt, was ich schon weiß, was die Ärzte mir bereits gesagt haben. Dann macht er eine Pause. Die Pause nutzt er, um sich zu sammeln. Ich weiß genau, was gleich kommt, es ist immer dasselbe. Er will mir mehr erzählen, davon, dass es Möglichkeiten gibt, wieder teilnehmen zu können, sich nicht aufzugeben, die neuesten „Improvs“ garantieren ein ganz neues Lebensgefühl und Mutter sei auch der Meinung, dass…

An dieser Stelle steige ich aus.

Ich laufe so gerne über weite Wiesen und Felder. Gerade steht der Weizen so hoch, dass er an meinen Armen entlang streift – Ein schönes Gefühl.

Es klingt wie früher und ist ganz warm.

Wettbewerbsgeschichte: "Improvs" - Schlussbild

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